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Wie ist das, was gerade passiert, das Beste, das mir passieren kann?

Oder wie das freundliche Universum mir geholfen hat, mein “Ja” zu mir selbst zu finden…

Diejenigen von euch, die The Work of Byron Katie kennen, haben diese Frage vielleicht schon des öfteren in Seminaren, Coachings oder einfach in einer Work mit jemand anderem gehört: Wie ist das, was gerade passiert, das Beste, was mir gerade passieren kann? Diese Frage ist je nach Situation und Flexibilität des Geistes unter Umständen eine Herausforderung, für manche vielleicht sogar eine Provokation und für andere kann diese Frage eine Trainingseinheit sein, die sie bereit sind, täglich zu machen.

Ich möchte das einem konkreten Beispiel deutlich machen, wie ich finden konnte, dass das, was gerade passiert, das Beste ist, das mir passieren kann.

Diejenigen von euch, die mich kennen oder meinen Blog verfolgen, wissen vielleicht, dass ich in einer Patchworkkonstellation lebe mit meinem Partner, seinem Sohn und seiner Tochter. Die Kinder sind jede zweite Woche eine Woche bei uns. Seit einigen Jahren und immer mehr seit ich über 40 bin beschäftigt mich die Frage, ob ich selbst gerne Mutter werden möchte. Bisher war meine eigene innere Zerrissenheit, das Für und Wider und das Abwägen oft eine große Belastung für mich. Soviel zu den groben Koordinaten.

Kommen wir zurück zu der Frage: Wie das, was passiert, das Beste ist, was passieren kann?

Am letzten Sonntagabend mit den Kindern wiederholte sich eine Situation, die ich schon oft erlebt habe. Die Kinder gehen ins Bett, geben Papa Küsschen, Gute Nacht Papa, ich liege auch im Bett und zu mir sagt kein Kind Gute Nacht. In solchen Momenten schiessen Gedanken in meinen Kopf wie: “Ich gehöre nicht dazu, ich bin ihnen nicht wichtig, sie sind egoistisch, schlecht erzogen, etc.” – und wenn ich diese Gedanken glaube, reagiere ich mit Gefühlen auf diese Gedanken, in meinem Fall oft Trauer und Enttäuschung. So also auch wieder letzten Sonntag. Der Große geht ins Bett und sagt mir nicht Gute Nacht, nur Gute Nacht Papa. Ich schwieg wie so oft, verdrückte ein paar Tränen ins Kopfkissen und schlief ein. Am nächsten Morgen wachte ich auf, sofort wieder mit der Geschichte vom Vorabend im Kopf, die Putzfrau sollte kommen, und ich fand die Kinderzimmer extrem unaufgeräumt vor. Ich kam in die Küche, die Kinder begrüßten mich nicht.  Plötzlich explodierte ich, was sehr selten vorkommt. Ich sagte allen dreien ganz unzensiert, wie ich mich fühlte, wie sauer ich gerade war und was für mich gerade in dem Moment nicht funktionierte. Schweigen…

Im Anschluss verliessen die Kinder das Haus, der Große wiederholt ohne mir Tschüss zu sagen. Sein Vater schickte ihn darauf zurück zu mir, und ich fühlte mich so blöd wie eine alte, schrullige Tante, der man kein Küsschen geben soll und die Eltern sagen: “Komm gib der Tante mal ein Küsschen.”

Als der Sohn meines Partners also vor mir stand und Tschüss sagte, bat ich ihn kurz herein. Wir sahen uns länger als sonst in die Augen. Ich sagte zu ihm:”Danke, dass du mir Tschüss sagst. Weisst du, es tut mir weh, wenn du mich wie Luft behandelst. Ich habe dich lieb und du bist mir wichtig.” Darauf lächelte er und nahm mich in den Arm und ging.

Die drei fuhren zur Arbeit und zur Schule und kaum war die Tür geschlossen, brach es aus mir heraus. Die Tränen flossen, viele, viele schmerzvolle Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich fühlte mich als Opfer, wie ein ungeliebtes Aschenputtel, das gut genug ist, aufzuräumen und die schönen Dinge, die Küsse und die lieben Worte, die gibt es nur für Papa und Mama… Ich ging zum Sport und beobachtete weiter all die Gedanken, die mich quälten. Ich überlegte, die Gedanken zu worken, sie zu hinterfragen, wie ich es sonst so oft mache mit der Work, wenn ich verwirrt bin.

Dieses Mal war es anders.

Ich bemerkte, wie das Verhalten des Jungen etwas in mir triggerte, ich bemerkte ein tiefsitzendes Bedürfnis. Da war der Wunsch nach Zugehörigkeit, der Wunsch Mutter zu sein, der Wunsch, eine Familie zu gründen und das Wunder zu erleben, wovon die Eltern oft sagen, dass es nichts gibt, was so schön ist wie das. So entstand der Entschluss, dieses Mal nicht zu worken, sondern genau das zu tun, wovor ich mich seit Jahren drückte: Mir einzugestehen, was ich mir wünsche und das zu äussern. Also tat ich etwas, vor dem ich große Angst hatte. Ich teilte mit meinem Partner meine Trauer, meine Ängste, meine Sehnsüchte. Ganz unzensiert – ich zeigte mich mit allem Unaufgeräumten in mir. Ich hatte Angst, dass er sich von mir zurückziehen würde, mich verlassen würde oder meine Ehrlichkeit andere Konsequenzen haben könnte.

Was passierte war genau das Gegenteil.

Ich erhielt Verständnis von ihm und Beistand.

Dieser Moment war magisch für mich. Auf einmal spürte ich die Kraft, selbst bedingungslos “ja” zu mir zu sagen. Das allein war schon magisch und als Sahnehäubchen oben drauf hatte ich auch noch ein “Ja” von meinem Partner zu mir erhalten. Und plötzlich merkte ich, wie nun auf einmal die Zukunft sehr unwichtig wurde. Es war mir aufeinmal gar nicht mehr so wichtig, ob ich nun irgendwann ein eigenes Kind bekommen würde oder nicht. Was ich gebraucht hatte war mein “ja” zu mir und für mich einzustehen.

Was ich daraus für mich gelernt und mitgenommen habe ist:

1. Das was gerade passiert, ist das Beste für mich. Ich sah auf einmal die Zurückhaltung der Kinder mir gegenüber als Wegbereiter, zu spüren, was ich mir wirklich wünsche. Sie haben mir zur Klarheit geholfen und dafür bin ich ihnen sehr dankbar.

2. Das Ergebnis ist nicht entscheidend, sondern wie ich mit mir auf dem Weg umgehe.Werde ich Mutter, oder nicht? Keine Ahnung… entscheidend ist, ob ich mein “Ja” zu mir selbst lebe.

3. Starke emotionale Reaktionen weisen mir den Weg in die Tiefe, wenn ich nicht im Opfermodus stecken bleibe, sondern eine Station tiefer schaue, worum es eigentlich geht.

4. Das Universum ist freundlich und alles geschieht für mich, auch wenn ich das auf den ersten, zweiten oder dritten Blick noch nicht sehen kann.

5. Zufriedenheit hängt nicht von den “Resultaten” ab, sondern von meiner inneren Haltung, mir selbst, den anderen und dem Universum gegenüber.

Bis zum nächsten stressvollen Gedanken 😉

Alles Liebe,

Kerstin

Stress im Phantasialand und wofür Bänke so alles gut sein können

Letzte Woche waren wir mit Tonis Kindern eine Woche in Deutschland zu Besuch bei meiner Familie. Der Auftakt der Ferien war der von den Kindern lang erwartete Besuch des Freizeitparks Phantasialand.

Wir versuchten, beide Kinder zufrieden zu stellen. Und es gab Tränen der Enttäuschung, wenn ein Kind zu klein war für ein bestimmtes Karussel, es gab ewige Warteschlangen, lange Wartezeiten, die Papa und Tochter allein verbrachten auf Sohn und mich wartend bei den spannenderen Karussells. Gegen Ende des Tages freuten wir uns alle vier auf die Wildwasserbobbahn. Wir hatten vor, alle zusammen mit dieser Bahn zu fahren. Als wir schliesslich an der Bahn ankamen und das Mädchen sah, wie die Fahrt sein würde, wurde sie von ihrer Angst übermannt und sagte, dass sie doch nicht mitfahren würde. Das bedeutete, dass Tonis Sohn und ich wiederum allein fahren müssten, während Papa und Schwester auf uns warten würden.

Da bekam der ältere Bruder einen Wutanfall und liess sich nicht beruhigen. Auch die Aussicht, dass sein Vater oder ich mit ihm allein fahren würden, stimmte ihn nicht milder.

Während wir also versuchten, uns zu organisieren, was nun zu tun sei etc., sagte mir mein Partner, ich solle seinem Sohn etwas Zeit geben und einfach weitergehen, egal ob er mitkomme oder nicht. Das konnte ich nicht. Hunderte von stressvollen Gedanken schossen mir durch den Kopf. Ich wollte unbedingt, dass der Junge glücklich ist und einen guten Abschluss im Phantasialand bekommen sollte. Auf meinen Versuch hin, ihn umzustimmen und wenigstens mit mir zu fahren, reagierte er trotzig und sprach zunächst kein Wort mit mir. Als ich nicht locker ließ, sagte er, er würde nun nirgendwo mehr hingehen und sein Vater machte Anstalten, ihn einfach da stehen zu lassen, was ich nicht übers Herz brachte. Ich insistierte weiter und holter die Polter waren Sohnemann und ich in einen Streit verwickelt, der immer lauter wurde. Es gab bei uns beiden kein zurück mehr. Der gefühlte Höhepunkt für mich war, als mir der Junge dann sagte, dass er sehr bereue, überhaupt mit uns in den Urlaub gefahren zu sein, und da brannten bei mir die Sicherungen durch.

Am liebsten hätte ich alle drei da stehen gelassen und wäre allein weggegangen. Raus aus dem Park, raus aus allem, zurück in mein Singleleben ohne alle diese Streits. Mir war nur noch zum Weinen. Ich war enttäuscht und frustriert.

Wir gingen also weiter, ich suchte Abstand und merkte, dass ich mich nicht mehr kontrollieren konnte. Also sagte ich meinem Partner, dass ich Zeit für mich brauchte, um mich zu beruhigen und sie sollten schon einmal vorgehen.

Ich fand eine Bank, auf der nahm ich Platz und die Tränen liefen. Ich versuchte mich zu sortieren und wurde von den vielen, schnellen Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, überrannt.

Seit einigen Jahren arbeite ich als Coach mit The Work of Byron Katie, eine Methode, die hilft, den Grund für unseren Stress zu finden und zu identifizieren und anschliessend aufzulösen. “Also gut”, dachte ich, “es hilft anscheinend nichts, also schreibe die Gedanken auf, unter denen Du leidest.” Ich fand in meiner Handtasche einen Kugelschreiber und in meinem Portemonai einen Kassenbon. Auf der Rückseite schrieb ich folgenden Text – der nach einem bestimmten Schema aufgebaut ist. Dieses Schema heisst “Arbeitsblatt Urteile über Deinen Nächsten.” Ich begann also meine Urteile auf die Rückseite des Kassenbons zu schreiben und kam mir ziemlich bescheuert vor, dass ich als ausgebildeter Coach und Trainerin nun im Phantasialand allein auf einer Bank saß, um mich herum lauter Familien, und bei mir die Tränen liefen.

Ich schrieb:

1.     Ich bin sauer auf Toni junior, weil er so ungeduldig ist.
2.     Ich will von Toni junior, dass er geduldiger ist, dass er erst reflektiert, dass er nicht so ausrastet, dass er mit sich reden lässt.
3.     Toni sollte verstehen, dass Menschen ihre Reaktionen nicht kontrollieren können, er sollte nicht so verletzend sein, er sollte nicht nur schwarz oder weiss sehen.
4.     Ich brauche von ihm, dass er anders ist als er ist, dass er zugänglicher ist, dass er mit sich reden lässt.
5.     Er ist brutal, uneinsichtig, verletzend, hasserfüllt, undankbar, ein Arsch
6.     Ich will nie wieder erleben, dass er so ausflippt und mir sagt, dass er bereut, mit uns in den Urlaub gefahren zu sein.

Nachdem ich nun erst einmal einen Teil der Gedanken, die meine Wut auslösten identifiziert und aufgeschrieben hatte, workte ich nun den ersten Gedanken, den ich aufgeschrieben hatte.. Worken heisst, Gedanken hinterfragen und neue Perspektiven gewinnen.

Der erste Gedanke: Er ist so ungeduldig.

Hier kommen die vier Fragen von Byron Katie:

1.     Ist das wahr?

Ja.

2.     Er ist so ungeduldig. Kannst Du absolut sicher wissen, dass das wahr ist?

Ja.

3.     Wie reagierst du und was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst?

Ich verurteile ihn, verachte ihn, ich finde ihn abstossend, schrecklich, unerträglich, ich bin stinksauer auf ihn, möchte am liebsten weglaufen und ihn nicht mehr sehen, ihn schütteln und anschreien und sagen, dass das so nicht geht, gleichzeitig schäme ich mich für all diese Gedanken und Gefühle, glaube, ich sollte weiter sein, zweifle an mir und verurteile mich selbst, fühle mich als Opfer seiner Launen, bin innerlich hart und mein Herz ist verschlossen wie eine Auster.

4.     Wer bist du in der gleichen Situation ohne den Gedanken, dass er so ungeduldig ist?

Ich wäre ruhiger, würde mir mehr Zeit lassen und nicht so schnell auf alles reagieren, würde mehr beobachten, würde nicht all diese Gedanken einfach für wahr halten, ich wäre verständnisvoller, könnte dem Jungen seinen Ärger und seine Wut lassen, ich könnte differenzieren, dass seine Wut ja nichts mit mir zu tun hat, würde das ganze Geschehen nicht persönlich nehmen, würde ihm Zeit lassen, warten, bis er bereit ist, wieder im Kontakt zu sein. Ich wäre ein freundlicher, erwachsener, liebevoller Mitmensch.

Nun kehren wir den ursprünglichen Gedanken um.

Aus: Er ist ist ungeduldig wird:

1.     Die Umkehrung ins Gegenteil. Er ist nicht so ungeduldig.

Nun finde ich 3 Beispiele, warum das auch wahr ist:

1.     Er stand einfach nur zurückgezogen da und wollte seine Ruhe haben. Er war defensiv.
2.    Er hat nicht begonnen, mich zu attackieren.
3.    Er hat auf mein Nachbohren, einfach gar nicht geantwortet und mich nicht angeschrien.

2.     Umkehrung: Umkehrung zu mir selbst: Ich bin so ungeduldig.

Ja, das stimmt total.

1.     Ich bin auf ihn zugegangen, obwohl sein Vater mir gesagt hatte, ich solle ihm Zeit lassen.
2.    Ich habe nicht locker gelassen, bis der Junge dann explodiert ist und Dinge gesagt hat, die ich mich sehr zu Herzen genommen habe, wie z.B., dass er bereue, mit uns in den Urlaub gefahren zu sein.
3.     Ich erwarte von diesem 12-Jährigen, dass er geduldig und besonnen ist, obwohl ich mich mit meinen 40 Jahren in dem Moment nicht im Griff hatte.

Man könnte hier noch weitere Umkehrungen finden – ich hatte nur Zeit für diese beiden, denn dann stand auf einmal meine Familie vor mir. Das Mädchen schaute mich mit ihren großen, braunen Kulleraugen an und bat mich, nun wieder mitzukommen. Das erweichte mein Herz, ich ging also mit, hielt erst noch Abstand, denn das Ganze war mir unangenehm und peinlich.

Nachdem ich meinen Anteil an dem ganzen Schlamassel gesehen hatte, spürte ich das Bedürfnis, es wieder gut zu machen, mich bei Toni j. zu entschuldigen. Byron Katie sagt: “Make it right whenever you can.” (Mache es wieder gut, wann immer Du kannst.)

Also fasste ich mir ein Herz, ging etwas schneller und kam neben Toni j. an. Ich hatte Angst, dass er mich abweisen oder ignorieren könnte, wenn ich ihn ansprechen würde. Ich nahm die Befürchtung wahr und gab mir einen Schubs und sagte: “Toni, es tut mir sehr leid, dass ich eben so unfreundlich mit Dir gesprochen habe. Kannst Du mir verzeihen?” Da schaute er mich an und sagte: “Ja, Du mir auch?”

Damit hatte ich nicht gerechnet. Und das rührte mich zu Tränen. “Ja, natürlich.” sagte ich und “weisst Du, ich wollte so gern, dass Du eine gute Zeit hast hier und ich konnte es nicht ertragen, dass Du so enttäuscht warst.” Und er sagte: “Weisst Du, und ich wollte einfach nur, dass wir alle vier zusammen etwas machen.”

Das haute mich wiederum um, denn alles, was ich ihm unterstellt hatte, war nicht wahr. Ich hatte ihm unterstellt, dass er egoistisch ist und immer Recht haben will und noch viele andere unschöne Sachen und die Wahrheit war: Dieser Junge war so enttäuscht, dass wir nicht zu viert in die Bahn gingen, dass er seine Enttäuschung nicht kontrollieren konnte und einen Wutanfall bekam. Das rührte mich sehr und ich lernte, dass unter Wut oft sehr rührende Wahrheiten stecken, und es sich lohnt, sich die Zeit zu nehmen, die Wahrheit heraus zu finden.

Und ich erinnerte mich an ein anderes Zitat von Byron Katie: “Die Wirklichkeit ist immer freundlicher als die Geschichte, die wir darüber erzählen.”

Ach so, und dann habe ich mich noch getraut, ihm zum ersten Mal in drei Jahren zu sagen: “Ich habe Dich wirklich lieb.” Und er lief lachend davon und spielte mit seiner Schwester den ganzen Tag ohne sich weiter zu streiten…

Foto: Cerstin Deppe-Dingeldey

Sie sollte nicht so zickig sein

Sie sollte nicht so zickig sein – Was für ein Geschenk!

Mein Freund und Mentor Ralf Giesen hat vor einigen Jahren gesagt: “Jeder stressvolle Gedanke ist wie ein Geschenk, das du noch nicht ausgepackt hast.”

Heute kann ich sagen, dass das in meiner Erfahrung stimmt. Gestern durfte ich wieder so ein Geschenk auspacken.

“Sie (die Tochter meines Partners) sollte nicht so zickig sein”. Das habe ich gestern geglaubt, als sie wütend einen Stuhl umwarf als ich ihrem Bruder Recht gab, der sich über die ungerechte Aufteilung des verbliebenen Saftes beschwerte. Sie hatte sich das Glas voll gemacht und ihm einen kleinen Minischluck ins Glas gegeben. Anschliessend war die letzte Flasche Pfirsichsaft im Haus leer. Ich bat sie, gerecht zu teilen, woraufhin sie einen Wutanfall bekam und behauptete, sie hätte schliesslich den Saft beschafft, worauf ich schon wütend antwortete, dass der Saft für alle sei und ich ihn gekauft habe. Nun ja, den Rest kann man sich vorstellen… Wir assen nicht zu viert, sondern nur zu dritt. Madam zickte, und ich brodelte vor Wut – immer noch glaubend, sie sollte nicht so zickig sein.

Irgendwann kam sie dann zum Essen – immer noch gereizt und sprach keinen Ton mit mir. Dann bekam ich einen Anruf von meiner Mutter – am Muttertag- und ich ging ein paar Meter weiter weg, um mit meiner Mutter zu telefonieren. Ich lachte mit meiner Mutter und sah aus den Augenwinkeln, wie sich die Tochter meines Partners die Ohren zuhielt. Da lief bei mir innerlich das Fass über.

Als dann auch noch der Vater mit Engelszungen auf die Kleine einging, brannte bei mir innerlich die Sicherung durch. In meiner Welt gab es keinen Grund nun auch noch überfreundlich zu ihr zu sein, in meiner Welt, sollte sie sich für ihr Verhalten entschuldigen.

The Work sei dank verliess ich erst einmal das Terrain und zog mich zurück um meine Gedanken zu beobachten:

“Sie sollte nicht so zickig sein, sie ist unverschämt, ein egoistisches, verzogenes Blag, sie muss sich bei mir entschuldigen usw.” schoss es mir durch den Kopf.

Ich begann zu worken – was bedeutet, in Frage zu stellen, was ich glaube.

Sie sollte nicht so zickig sein – war der erste Gedanke, den ich untersuchte.

1.     Ist das wahr?

Ja.

2.     Kann ich absolut sicher wissen, dass das wahr ist?

Ja.

3.     Wie reagiere ich, wenn ich das glaube, dass sie nicht so zickig sein sollte?

Wütend, in Rage, ich hasse sie in dem Moment, ich will sie nicht sehen und nicht hören, ich bin froh, dass sie vom Tisch aufgestanden ist und nicht mit uns isst, ich könnte ihr den Hals umdrehen, ich habe den Drang, ihren Vater zu bitten, sie zurecht zu weisen, ich würde am liebsten ins Auto steigen und weg fahren, ich freue mich, dass sie morgen für eine Woche zu ihrer Mutter geht….

4.     Wer bin ich ohne den Gedanken, dass sie nicht so zickig sein sollte?

Ich nehme wahr, dass sie 10 Jahre alt ist und ich nicht wissen kann, was gerade in ihrem Kopf vorgeht. Ich nehme wahr, dass die Kinder viele Konflikte miteinander haben und es ggf. eine Verknüpfung in ihrem Kopf gab, die mir nicht bekannt ist, ich würde mich freuen über das schöne Wetter und dass wir draussen essen können. Ich würde wahrnehmen, wie kooperativ ihr Bruder auf einmal ist und sogar den Tisch abräumt. Ich würde den Vater sehen, der darunter leidet, dass es diesen Stress gibt. Ich hätte Mitgefühl mit allen Beteiligten, die gerade gestresst sind, inklusive mit mir hätte ich Mitgefühl. Mein Puls wäre ruhiger. Ich würde das ganze nicht so wichtig nehmen und schon gar nicht persönlich gegen mich gerichtet sehen. Ich wäre mir dankbar, dass ich meine Position zum Teilen geäussert habe und würde vertrauen, dass dieser Samen vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt aufgeht…

Wie kann man das nun anders sehen?

Sie sollte nicht so zickig sein.

Mein erster Perspektivwechsel ist: 
Ich sollte nicht so zickig sein.

1.     Beispiel: Ich war innerlich SEHR zickig und das war energetisch sicher spürbar und nicht hilfreich.

2.     Beispiel: Ich sollte nicht so zickig sein, und gleich solche Endzeitgedanken haben, sondern diesen Moment der Entgleisung weniger wichtig nehmen.

3.     Beispiel: Ich sollte nicht so zickig sein und ihr zugestehen, dass das anscheinend gerade zu ihrer Entwicklung gehört und es nicht so persönlich nehmen.

Zweiter Perspektivwechsel: 
Sie sollte so zickig sein.

1.     Beispiel: Weil sie mich gebeten hat, genau diesen Saft zu kaufen und er daher evt. in ihrer Welt mehr ihr gehörte als ihrem Bruder.

2.     Beispiel: Weil sie ein paar Stunden vorher einen Pfirsichjogurt essen wollte, ebenfalls der letzte, und als sie ihn gerade aufgemacht hatte, ihr Bruder ihn probieren wollte. Sie ekelt sich davor, mit anderen das Essen zu teilen. Ihr Bruder ging zweimal mit dem Löffel in den Joghurt und sie überliess ihm den Joghurt ohne Drama. Vielleicht war der Saft der letzte Tropfen, der ihr Fass zum Überlaufen brachte.

3.     Beispiel: Sie sollte so zickig sein, weil ich mich meistens nicht ungefragt in Erziehungsfragen einmische und falls doch meistens auf ihrer Seite bin und sie das vielleicht enttäuscht hat.

Dritter Perspektivwechsel: 
Sie sollte nicht so entspannt sein.

Hmm… mal sehen… gar nicht so einfach…

1.     Beispiel: Sie hat nur einen Stuhl umgeworfen und nicht mich oder jemand anderen beschimpft.

2.     Beispiel: Sie drückt aus, wenn ihr etwas nicht passt und frisst es nicht in sich hinein.

3.     Beispiel: Im Vergleich zu ihrem Bruder reagiert sie sehr oft entspannt, wenn er sie ärgert, von daher ist es vielleicht gesund, wenn sie mal zickig ist.

4.     Damit ich überprüfen kann, wie ich zu ihr stehe, ob ich sie nur mag, wenn sie meinen Vorstellungen entspricht oder ob ich sie auch zickig lieben kann.

Nach dieser Work war mein Puls deutlich ruhiger. Da war noch das Thema, dass sie sich die Ohren zugehalten hat, was mich besonders getroffen hat. Vor allem, nachdem wir einen wunderbaren Vormittag zu zweit allein zu Hause hatten, stundenlang zusammen Lego gebaut haben, und ich vorgestern ihren ganzen Kindergeburtstag vorbereitet hatte trotz dicker Backe nach gezogenem Weisheitszahn… Hm… ich war also wohl der Meinung, dass ich das nicht verdiene.

Wenn ich dann schaue, was ich für sie empfunden habe in Frage Nummer 3, also wie ich reagiere, wenn ich glaube, sie sollte nicht so zickig sein, dann war ihr Ohren zuhalten wohl freundlicher als alles, was mir durch den Kopf gegangen ist.

Irgendwann kam sie dann in das Zimmer in dem ich workte. Sie hatte das Legoauto in der Hand, das sie dann ohne mich ganz allein zusammen gebaut hat. Sie hat es mir nicht gezeigt und fragte, wo ihr Vater sei. Da hätte ich gleich losheulen können…. Jetzt zeigt sie mir nicht mal das Auto, an dem wir zusammen den ganzen Vormittag gebaut haben… ich antworte sehr freundlich, dass ich nicht wisse, wo ihr Vater sei. Dann kamen der Vater und sie zurück mit dem Auto und der Vater bat sie, es mir zu zeigen. Sie war verlegen und schüchtern. Auf einmal ging mein Herz auf. Ich sah, dass sie keinen anderen Weg zu mir gefunden hatte und testete, ob sie sich wieder annähern kann.

Später bat sie mich dann mitzukommen auf einen Spaziergang. Ich war immer noch etwas zickig und sagte, ich wolle Zuhause bleiben wegen meiner dicken Wange. Sie war traurig und bat mich erneut und sagte, wir wollten alles etwas zusammen machen. Das erreichte mich und ich ging mit.

Wir haben dann noch den ganzen Abend gespielt, Just Dance, Dinge raten etc. Und viel gelacht.

Das Geschenk, das ich auspacken durfte war, wieder einmal zu lernen, dass es oft nicht nachvollziehbar ist, warum jemand so reagiert, dieses oder jenes sagt oder nicht sagt… und jeder hat gute Gründe, die der eigene Verstand verbittert rechtfertigt.

Es gibt ein chinesisches Sprichwort das sagt ungefähr: “Jedes Ding hat drei Seiten: Eine Seite, die ich sehe, eine Seite, die du siehst und eine Seite, die niemand von uns beiden sieht.” Die Seite, die niemand von uns beiden sieht, wird für mich durch die Work sichtbar – wenn der Kopf fragt und das Herz antworten darf.

Eier, Bioeier… und wo The Work of Byron Katie sonst noch helfen kann

“Kerstin, weisst Du, was die beiden roten Fahnen da am Strand bedeuten?” fragte mich heute mein Vater. “Die rote Fahne bedeutet, dass man nicht schwimmen sollte, da die Strömung stark ist.” Darauf sagte mein Vater sehr bestimmt “Quatsch”. Ich rollte mit den Augen, schnaufte hörbar auf und ging auf mein Zimmer.

Vor 3 Jahren war ich das erste Mal seit 15 Jahren wieder mit meinen Eltern gemeinsam im Urlaub – auf Ko Samui. Es war der erste gemeinsame Urlaub mit meinen Eltern, nachdem ich die Work von Byron Katie kennen gelernt hatte. Vielleicht kennt der eine oder die andere das auch: Bei Familienfesten, Urlauben oder einfach bei gemeinsamer Zeit mit den Liebsten kommt es manchmal zu inneren und ggf. auch äusseren, emotionalen Wallungen, die man ansonsten schon lange Zeit eher nicht mehr erlebt hatte.

Wenn Du glaubst Du bist erleuchtet…
Ram Dass sagt dazu ganz passend wie ich finde: “Wenn Du Dich für erleuchtet hältst, dann geh und verbringe eine Woche mit Deinen Eltern.” Oder wie Byron Katie sagt: “Leute gehen nach Indien um einen Guru zu finden, aber das musst du nicht: du lebst mit einem.” Unsere Lieben drücken all die Knöpfe, wo wir noch gefangen sind in alten Gedanken- und Verhaltensmustern. Unsere engsten Mitmenschen zeigen uns, wo wir noch nicht wirklich hingeschaut haben und immer noch Konzepte mit uns herumschleppen, die oft schon viele Jahrzehnte alt sind.

Wer hat mich aus dem Paradies vertrieben? Ein Gedanke…
Also zurück nach Ko Samui: Vor drei Jahren sitze ich mit meinen Eltern in einem wunderbaren Hotel beim Frühstück mit Meerblick, Wellenrauschen, Vögelgezwitscher, frischem Obst… ein Paradies… und auf einmal passiert es: ich befinde mich mit meinem Vater in einer Diskussion über Eier, Bioeier, Politik etc. und ehe wir uns versehen, sind wir in einer hitzigen Diskussion, bis mein Vater mir vorwirft, das Problem mit mir sei, ich wolle ja immer nur Recht haben. Darauf höre ich mich sagen: “Nein, das stimmt nicht. Du willst immer Recht haben.” The Work sei Dank konnte ich immerhin merken, dass es nun höchste Zeit war, mich zurück zu ziehen und wieder zu mir zu kommen. Ich verliess das Frühstück und ging auf mein Zimmer, schrieb alle stressvollen Gedanken über meinen Vater auf und rief einen Kollegen an, der mich begleitete, das Konzept zu untersuchen: “Mein Vater will immer nur Recht haben.” Wie so oft bei der Work konnte dieser Gedanke nicht gegen die Wahrheit bestehen.

Dreh es um…
Für die, die The Work noch nicht kennen: Ein Teil der Work sind Perspektivwechsel – der Gedanke, der überprüft wird, wird in verschiedene Richtungen gedreht. Ich sah plötzlich, wie mein Vater total Recht hatte als er sagte, ich wolle ja immer nur Recht haben. Es stimmte. Ich sah, wie ich mich sofort verteidigt hatte und aus diesem Opferstatus heraus sogar ihn angegriffen hatte als ich sagte, er wolle ja immer nur Recht haben. Nun ja… es entstand das Bedürfnis in mir, mich bei meinem Vater zu entschuldigen. Als er an meine Zimmertür klopfte und mich fragte, ob ich mit ihm an den Strand gehen wolle, sagte ich ihm: “Papa, ich möchte Dir etwas sagen. Ich möchte mich bei Dir entschuldigen, denn ich habe Dich angelogen. Als Du mir gesagt hast, dass ich immer nur Recht haben wolle, habe ich Dir gesagt, dass das nicht stimmt. Es stimmt, ich wollte Recht haben, und das tut mir leid, bitte entschuldige.” Plötzlich sah ich in seinen Augen Zeichen der Rührung, und er nahm mich westfälisch in den Arm und sagte: “Ach Mädchen, ist ja nicht so schlimm.”

Byron Katie fragt oft: Willst Du frei sein oder Recht haben?
Heute ergab sich dann die eingangs geschilderte Situation, in der es wieder um “Recht haben” ging, um die Bedeutung der zwei roten Fahnen im Sand… erneut bemerkte ich eine heftige Irritation in mir aufsteigen. Auf dem Weg in mein Zimmer, begann mich nun die Frage zu beschäftigen, ob sich denn gar nichts bei mir verändert hatte seit damals auf Ko Samui? Wie kann es sein, dass ich mich wieder über etwas aufrege, womit ich mich bereits beschäftigt hatte, wo ich doch schon eingesehen hatte, dass ich Recht haben wollte damals auf Ko Samui, wieso nun wieder die gleiche Irritation? Und war es überhaupt die gleiche Irritation?

Nach ein paar Stunden traf ich meinen Vater. Auf einmal sagte er zu mir: “Du, ich muss mich noch bei Dir entschuldigen für vorhin, dass ich da nicht so freundlich zu Dir war. Aber ich hatte Recht…. und die Bedeutung der zwei Fahnen… etc.” . Und ja, es stimmte, er hatte Recht gehabt die ganze Zeit UND er hat sich bei mir zu meiner Überraschung entschuldigt. Wir haben dann noch mit einem Augenzwinkern ausgetauscht, worum es jedem von uns ging und hatten einen richtig schönen, entspannten Abend. Ach ja, und wen es interessiert: Die beiden roten Fahnen markieren die Einfahrtschneise der Boote, die vermietet werden. Das hatte mein Vater herausgefunden als er sich mit einem Thailänder darüber unterhalten hatte.

Um den Krieg zu beenden braucht es nur eine Person
Byron Katie sagt, es reicht, wenn einer die Work macht, um den Krieg zu beenden. Warum ist die Dissonanz mit meinem Vater nun heute anders verlaufen? Keine Ahnung – und eine Idee dazu ist: Ich war nicht einer Meinung mit ihm, habe meinen Vater allerdings nicht wie vor drei Jahren angegriffen und bin erst einmal gegangen. Ich war mir bewusst, dass Gedanken meine Irritation ausgelöst hatten und nicht mein Vater selbst. Es waren die Gedanken über ihn, über mich, über Eltern etc., die mich aus dem Gleichgewicht gebracht hatten. Diese Gedanken konnte ich als Gedanken wahrnehmen und sie aus der Position des Beobachters identifizieren.

Es geht darum, immer wieder in der Beobachterposition zu sein.
Wenn ich meinen eigenen Prozess mit der Work zurückverfolge, zum Beispiel alte Aufzeichnungen lese, bin ich manchmal fassungslos, was ich vor ein paar Jahren so alles geglaubt habe und kein Wunder, dass ich mich verhalten habe wie ich mich verhalten habe. Manchmal kommt es mir fast unwirklich vor, dass ich diese Person war, die all das geglaubt hat. An vielen Stellen sehe ich, wie viel sich bereits verändert hat. Und dann gibt es eben auch andere Momente, wo ein altes Thema aufzuploppen scheint, etwas, mit dem ich mich vielleicht schon mehrmals in der einen oder anderen Form beschäftigt habe, ein Thema, das sich bisher nicht aufgelöst hat. Daher ist es vielleicht gar nicht so sehr die Frage, wieso mich manchmal wieder ähnliche Gedanken stressen, sondern vielleicht geht es darum, immer wieder in der Beobachterposition zu sein und mir immer wieder bewusst zu werden, dass ich nicht diese Stimmen, Meinungen, Ideen, Urteile bin, die mir durch den Kopf rauschen. Ich bin diejenige, die das Kopfkino beobachtet.

Ich bin neugierig, wie es sich entwickelt – und ich habe noch mehr als eine Woche Zeit, das zu beobachten 😉

Alles Liebe aus Thailand,

Kerstin