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Manchmal kommt es anders und meistens als man denkt… Über Denkfallen in Patchworkfamilien und andere Irrtümer

Seit dreieinhalb Jahren lebe ich mit den Kindern meines Partners wochenweise in einer Patchworkfamilie auf Mallorca. Als ich meinen Partner kennenlernte, las ich erst einmal Literatur über Patchworkfamilien, da ich mit dem Thema überhaupt nicht vertraut war – übrigens kann ich da die Bücher von Jesper Juul sehr empfehlen. Irgendwo las ich in einem Internetforum, dass es ca. 7 Jahre braucht, bis man als Patchworkfamilie so richtig zusammengewachsen ist. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich damals mit Schrecken dachte, um Gottes Willen, 7 Jahre… das geht sicher schneller, wenn man nicht glaubt, dass es 7 Jahre dauern wird… Nun ist die Hälfte der prognostizierten Zeit herum und im Moment sage ich: Wir sind auf einem guten Weg.

Auf diesem Weg habe ich eine ständige und zuverlässige Wegbegleiterin: The Work of Byron Katie, eine Lebenshaltung, die mir schon sehr oft aus herausfordernden Situationen geholfen hat. Wie in allen Beziehungen kommt es in Patchworkfamilien auch zu den üblichen Herausforderungen: Eifersucht, Trotz, Pubertät, Verlustängste, Platzhirschgedöns, Ärger, Wut und Enttäuschung… und manchmal erscheint es mir, als wenn sich das in Patchworkfamilien etwas potenziert dadurch, dass die Mitglieder einer solchen Familie immer wieder mit Wechseln konfrontiert sind und eben Kinder von getrennten Eltern sind, die sich je nachdem mehr oder weniger gut verstehen, Kinder, die mit neuen Partnern oder Partnerinnen der Eltern umgehen müssen, mit weiteren Trennungen. In meiner Erfahrung sind die Kinder oft lange beschäftigt mit der Trennung der Eltern, der Frage nach dem “warum” und der Sehnsucht nach der alten Ursprungsfamilie.

Soviel zum allgemeinen Hintergrund, ich liebe es konkret:

Was alles passiert, wenn man es “richtig” machen will
Neulich hatten wir Übernachtungsbesuch der Kinder bei uns. Es war eines der ersten Male, dass ein Freund zum Übernachten blieb. Ich bemerkte, wie ich es als Deutsche in einer mallorquinischen Familie “richtig” machen wollte, Essen kochen, was mallorquinische Kinder gern essen, cool und entspannt sein, so dass der Übernachtungsbesuch nachher denkt, er hätte auch gern so jemanden in seiner Familie – auch wenn es nicht die Mama ist – ja, ich bemerkte mein Ego, was gemocht werden wollte.

Wir hatten eine tolle Zeit inklusive Kostümparty und als am kommenden Tag der Abschied kam, wollte ich es wieder “richtig” machen und gab dem sehr symphatischen Übernachtungskind, mit dem ich viel Freude gehabt hatte, einen Abschiedkuss in dem Glauben, dass die Mallorquiner das so machen mit den Freunden ihrer Kinder. Die Erwachsenen geben sich schliesslich jeweils zwei Wangenküsse zur Begrüßung und zum Abschied. Als ich mich auf unseren Besuch zubewegte, um mich “richtig” zu verabschieden, bemerkte ich sofort an den Blicken der anderen, dass ich in dem Moment etwas “richtig falsch” gemacht hatte. Ich konnte mich dann innerlich noch ganz gut überzeugen, dass ich doch alles richtig gemacht hatte, kam schliesslich von Herzen, bis mir die Tochter meines Partners als wir später allein waren sagte: “Kerstin, entschuldige bitte, aber das geht gar nicht, dass Du den Freunden meines Bruders einen Abschiedskuss gibst. Mein Bruder wird sehr ärgerlich auf Dich sein.” Das sass… und ich sah, was sie meinte.

Kannst du die Unschuld sehen?
Gleichzeitig sah ich meine Unschuld, wie ich ganz unschuldig meine Gedanken geglaubt habe wie: “Mallorquinische Eltern verabschieden Übernachtungsbesuch ihrer Kinder sicher auf diese Weise”… und dann eben auf diesen Gedanken reagierte und entsprechend handelte… ich sah, wie ich mein Bestes geben wollte, wie ich gemocht werden wollte und sah meine Unschuld und gleichzeitig, wie mein Verhalten für unseren Jungen evt. peinlich war. Bei mir war eine automatische Kette abgelaufen, die Byron Katie nennt: Denken – Fühlen – Handeln – Haben. In meinem Fall, denken, dass man das hier so macht, das Bedürfnis fühlen, es richtig machen zu wollen, in Aktion gehen, mich auf den Besuch zuzubewegen mit den Ergebnis, dass alle Anwesenden irrtiert waren. All das war geschehen, weil ich etwas geglaubt habe wie: “Ich brauche, dass die anderen mich mögen” und “so macht man das hier.”

Die Zeit verging, ich fand keine Gelegenheit, den Sohn meines Partners darauf anzusprechen. Es blieb unausgesprochen. In mir blieb der Zweifel, ob der Junge sauer auf mich war, und ob er jemals wieder einen Freund zum Übernachten einladen würde… ich dachte, eher nicht…

Wie erlebe ich die Welt, wenn ich sie durch diese Brille betrachte?
In der Zwischenzeit gab ich ein Seminar mit The Work of Byron Katie auf Mallorca und hatte da die Gelegenheit, einige eigene stressvolle Gedanken über den Sohn meines Partners mit The Work auf den Prüfstand zu stellen. Gedanken wie: “Er sollte offener zu mir sein, er sollte mehr Verständnis für meine Situation haben, er sollte sehen, dass ich es gut mit ihm meine etc…”

Die Seminarwoche zeigte Wirkung, ich spürte, wie ich mich mit jeder Work, mit jedem hinterfragten Gedanken immer mehr öffnen konnte für den Sohn meines Partners. Ich sah ihn ohne all meine Konzepte und Gedanken.

Ein Teil von The Work ist die Frage: Wer bist du ohne diesen Gedanken? Für mich ist dieser Teil der Work der, wo ich die Welt aus dem Herzen heraus betrachte und nicht durch die Brille meines Verstandes. Und aus dem Herzen geschaut, ist die Welt so viel freundlicher…

Nach dem Seminar begann eine neue Kinderwoche für uns. Ich freute mich auf die Kinder und war gespannt, wie sich die Veränderung, die ihn mir während der Work-Woche stattgefunden hatte, auf die Beziehung zum Sohn meines Partners auswirken würde. Beim ersten gemeinsamen Abendessen ergab sich die Gelegenheit, und ich fragte ihn: “Du, sag mal, damals weisst Du noch, als dein Freund bei uns übernachtet hat und ich ihm einen Abschiedskuss gegeben habe. War das doof?” Er sagte: “Ja.” Ich fragte ihn, ob sein Freund noch etwas darüber gesagt habe zu ihm. Und er sagte: “Nein, und wenn er etwas Negatives über Dich gesagt hätte, hätte ich ihm eine gehauen.”

Manchmal kommt es anders und meistens als man denkt
Nun war ich platt. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich war davon ausgegangen, dass ich ihm peinlich war und wäre nie auf die Idee gekommen, dass er mich vor seinem Freund verteidigen würde… ein Gefühl von Liebe, Dankbarkeit und Scham überkam mich. Scham, weil ich ihn so “falsch” gesehen hatte in all den Wochen. Ich hatte nicht mit dem Herzen gesehen, sondern nur mit dem Verstand. Und der Verstand greift meistens viel zu kurz, blendet Details aus, verzerrt die Inhalte und will vor allem beweisen, dass das, was er, der Verstand, eh schon glaubt, auch so ist. Das Herz hingegen katapultiert uns in die Tiefendimension, dahin wo alles möglich ist und wo es so viel mehr als eine Wahrheit gibt. Vielleicht ist das auch für dich eine Abkürzung bei der nächsten Auseinandersetzung oder Irritation, in die Tiefe zu gehen und zu fragen, wie das Ganze mit dem Herzen betrachtet anders aussieht.

Byron Katie sagt dazu:

“Die Realität ist so viel freundlicher als unsere Geschichten über sie.”

Dafür liebe ich The Work – sie hilft mir, immer mehr, mit dem Herzen zu sehen.

Viel Freude beim Ausprobieren.

Kerstin

Weitere Infos zum Thema:
Wochenendseminar mit The Work in Berlin:

Mit dem Herzen sehen – Wie Du mit The Work harmonische Beziehungen leben kannst
10.-11. Februar 2018 im ifapp Berlin
Frühbuchtarife bis 15. Dezember 2017
Infos & Anmeldung hier

Foto: Cerstin Deppe-Dingeldey

Sie sollte nicht so zickig sein

Sie sollte nicht so zickig sein – Was für ein Geschenk!

Mein Freund und Mentor Ralf Giesen hat vor einigen Jahren gesagt: “Jeder stressvolle Gedanke ist wie ein Geschenk, das du noch nicht ausgepackt hast.”

Heute kann ich sagen, dass das in meiner Erfahrung stimmt. Gestern durfte ich wieder so ein Geschenk auspacken.

“Sie (die Tochter meines Partners) sollte nicht so zickig sein”. Das habe ich gestern geglaubt, als sie wütend einen Stuhl umwarf als ich ihrem Bruder Recht gab, der sich über die ungerechte Aufteilung des verbliebenen Saftes beschwerte. Sie hatte sich das Glas voll gemacht und ihm einen kleinen Minischluck ins Glas gegeben. Anschliessend war die letzte Flasche Pfirsichsaft im Haus leer. Ich bat sie, gerecht zu teilen, woraufhin sie einen Wutanfall bekam und behauptete, sie hätte schliesslich den Saft beschafft, worauf ich schon wütend antwortete, dass der Saft für alle sei und ich ihn gekauft habe. Nun ja, den Rest kann man sich vorstellen… Wir assen nicht zu viert, sondern nur zu dritt. Madam zickte, und ich brodelte vor Wut – immer noch glaubend, sie sollte nicht so zickig sein.

Irgendwann kam sie dann zum Essen – immer noch gereizt und sprach keinen Ton mit mir. Dann bekam ich einen Anruf von meiner Mutter – am Muttertag- und ich ging ein paar Meter weiter weg, um mit meiner Mutter zu telefonieren. Ich lachte mit meiner Mutter und sah aus den Augenwinkeln, wie sich die Tochter meines Partners die Ohren zuhielt. Da lief bei mir innerlich das Fass über.

Als dann auch noch der Vater mit Engelszungen auf die Kleine einging, brannte bei mir innerlich die Sicherung durch. In meiner Welt gab es keinen Grund nun auch noch überfreundlich zu ihr zu sein, in meiner Welt, sollte sie sich für ihr Verhalten entschuldigen.

The Work sei dank verliess ich erst einmal das Terrain und zog mich zurück um meine Gedanken zu beobachten:

“Sie sollte nicht so zickig sein, sie ist unverschämt, ein egoistisches, verzogenes Blag, sie muss sich bei mir entschuldigen usw.” schoss es mir durch den Kopf.

Ich begann zu worken – was bedeutet, in Frage zu stellen, was ich glaube.

Sie sollte nicht so zickig sein – war der erste Gedanke, den ich untersuchte.

1.     Ist das wahr?

Ja.

2.     Kann ich absolut sicher wissen, dass das wahr ist?

Ja.

3.     Wie reagiere ich, wenn ich das glaube, dass sie nicht so zickig sein sollte?

Wütend, in Rage, ich hasse sie in dem Moment, ich will sie nicht sehen und nicht hören, ich bin froh, dass sie vom Tisch aufgestanden ist und nicht mit uns isst, ich könnte ihr den Hals umdrehen, ich habe den Drang, ihren Vater zu bitten, sie zurecht zu weisen, ich würde am liebsten ins Auto steigen und weg fahren, ich freue mich, dass sie morgen für eine Woche zu ihrer Mutter geht….

4.     Wer bin ich ohne den Gedanken, dass sie nicht so zickig sein sollte?

Ich nehme wahr, dass sie 10 Jahre alt ist und ich nicht wissen kann, was gerade in ihrem Kopf vorgeht. Ich nehme wahr, dass die Kinder viele Konflikte miteinander haben und es ggf. eine Verknüpfung in ihrem Kopf gab, die mir nicht bekannt ist, ich würde mich freuen über das schöne Wetter und dass wir draussen essen können. Ich würde wahrnehmen, wie kooperativ ihr Bruder auf einmal ist und sogar den Tisch abräumt. Ich würde den Vater sehen, der darunter leidet, dass es diesen Stress gibt. Ich hätte Mitgefühl mit allen Beteiligten, die gerade gestresst sind, inklusive mit mir hätte ich Mitgefühl. Mein Puls wäre ruhiger. Ich würde das ganze nicht so wichtig nehmen und schon gar nicht persönlich gegen mich gerichtet sehen. Ich wäre mir dankbar, dass ich meine Position zum Teilen geäussert habe und würde vertrauen, dass dieser Samen vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt aufgeht…

Wie kann man das nun anders sehen?

Sie sollte nicht so zickig sein.

Mein erster Perspektivwechsel ist: 
Ich sollte nicht so zickig sein.

1.     Beispiel: Ich war innerlich SEHR zickig und das war energetisch sicher spürbar und nicht hilfreich.

2.     Beispiel: Ich sollte nicht so zickig sein, und gleich solche Endzeitgedanken haben, sondern diesen Moment der Entgleisung weniger wichtig nehmen.

3.     Beispiel: Ich sollte nicht so zickig sein und ihr zugestehen, dass das anscheinend gerade zu ihrer Entwicklung gehört und es nicht so persönlich nehmen.

Zweiter Perspektivwechsel: 
Sie sollte so zickig sein.

1.     Beispiel: Weil sie mich gebeten hat, genau diesen Saft zu kaufen und er daher evt. in ihrer Welt mehr ihr gehörte als ihrem Bruder.

2.     Beispiel: Weil sie ein paar Stunden vorher einen Pfirsichjogurt essen wollte, ebenfalls der letzte, und als sie ihn gerade aufgemacht hatte, ihr Bruder ihn probieren wollte. Sie ekelt sich davor, mit anderen das Essen zu teilen. Ihr Bruder ging zweimal mit dem Löffel in den Joghurt und sie überliess ihm den Joghurt ohne Drama. Vielleicht war der Saft der letzte Tropfen, der ihr Fass zum Überlaufen brachte.

3.     Beispiel: Sie sollte so zickig sein, weil ich mich meistens nicht ungefragt in Erziehungsfragen einmische und falls doch meistens auf ihrer Seite bin und sie das vielleicht enttäuscht hat.

Dritter Perspektivwechsel: 
Sie sollte nicht so entspannt sein.

Hmm… mal sehen… gar nicht so einfach…

1.     Beispiel: Sie hat nur einen Stuhl umgeworfen und nicht mich oder jemand anderen beschimpft.

2.     Beispiel: Sie drückt aus, wenn ihr etwas nicht passt und frisst es nicht in sich hinein.

3.     Beispiel: Im Vergleich zu ihrem Bruder reagiert sie sehr oft entspannt, wenn er sie ärgert, von daher ist es vielleicht gesund, wenn sie mal zickig ist.

4.     Damit ich überprüfen kann, wie ich zu ihr stehe, ob ich sie nur mag, wenn sie meinen Vorstellungen entspricht oder ob ich sie auch zickig lieben kann.

Nach dieser Work war mein Puls deutlich ruhiger. Da war noch das Thema, dass sie sich die Ohren zugehalten hat, was mich besonders getroffen hat. Vor allem, nachdem wir einen wunderbaren Vormittag zu zweit allein zu Hause hatten, stundenlang zusammen Lego gebaut haben, und ich vorgestern ihren ganzen Kindergeburtstag vorbereitet hatte trotz dicker Backe nach gezogenem Weisheitszahn… Hm… ich war also wohl der Meinung, dass ich das nicht verdiene.

Wenn ich dann schaue, was ich für sie empfunden habe in Frage Nummer 3, also wie ich reagiere, wenn ich glaube, sie sollte nicht so zickig sein, dann war ihr Ohren zuhalten wohl freundlicher als alles, was mir durch den Kopf gegangen ist.

Irgendwann kam sie dann in das Zimmer in dem ich workte. Sie hatte das Legoauto in der Hand, das sie dann ohne mich ganz allein zusammen gebaut hat. Sie hat es mir nicht gezeigt und fragte, wo ihr Vater sei. Da hätte ich gleich losheulen können…. Jetzt zeigt sie mir nicht mal das Auto, an dem wir zusammen den ganzen Vormittag gebaut haben… ich antworte sehr freundlich, dass ich nicht wisse, wo ihr Vater sei. Dann kamen der Vater und sie zurück mit dem Auto und der Vater bat sie, es mir zu zeigen. Sie war verlegen und schüchtern. Auf einmal ging mein Herz auf. Ich sah, dass sie keinen anderen Weg zu mir gefunden hatte und testete, ob sie sich wieder annähern kann.

Später bat sie mich dann mitzukommen auf einen Spaziergang. Ich war immer noch etwas zickig und sagte, ich wolle Zuhause bleiben wegen meiner dicken Wange. Sie war traurig und bat mich erneut und sagte, wir wollten alles etwas zusammen machen. Das erreichte mich und ich ging mit.

Wir haben dann noch den ganzen Abend gespielt, Just Dance, Dinge raten etc. Und viel gelacht.

Das Geschenk, das ich auspacken durfte war, wieder einmal zu lernen, dass es oft nicht nachvollziehbar ist, warum jemand so reagiert, dieses oder jenes sagt oder nicht sagt… und jeder hat gute Gründe, die der eigene Verstand verbittert rechtfertigt.

Es gibt ein chinesisches Sprichwort das sagt ungefähr: “Jedes Ding hat drei Seiten: Eine Seite, die ich sehe, eine Seite, die du siehst und eine Seite, die niemand von uns beiden sieht.” Die Seite, die niemand von uns beiden sieht, wird für mich durch die Work sichtbar – wenn der Kopf fragt und das Herz antworten darf.

Über Opfer, die mit dem Kopf durch die Wand wollen und andere Pannen

Neulich hat mich ein guter Freund gefragt, wie es mir geht. Ich schrieb ihm, dass es mir gerade sehr gut gehe und ich auch mit den Kindern meines Partners eine sehr gute Zeit habe. Ich schrieb ihm, dass ich mich neulich erinnert habe, was für “krasse” Sachen früher mit den Kindern passiert sind, und das ich heute sehr viel Mitgefühl mit den Kindern habe.

Zum Beispiel ist eines der Kinder einmal weggelaufen aus dem Haus der Grosseltern, als ich zum Essen eingeladen war. Das Kind wollte mich weder sehen, noch mit mir an einem Tisch sitzen. Wir lebten damals noch nicht zusammen. Ich erinnere mich noch gut, wie sehr verletzt ich mich damals fühlte, wie traurig ich darüber war und mich als Opfer gesehen habe. Von Mitgefühl war ich weit entfernt. Ich war enttäuscht, traurig und wütend. Ich wollte zurückgeliebt werden und ganz tief in mir war eine Stimme, die das trotzig einforderte, eine Stimme, die mir einflüsterte, ich habe ein Recht darauf. Ich glaube, da hat das Ego zu mir gesprochen.

Wie kommt es, dass aus einem Opfer ein mitfühlender, verständnisvollerer Mensch wird?

Wenn ich das Ganze in der Rückschau betrachte, sehe ich einen wesentlichen Punkt, der vielleicht alles verändert hat. Durch die heftige Zurückweisung der Kinder, die ich manchmal erlebt habe und die Verlustängste, dass die Partnerschaft das vielleicht nicht aushält, blieb mir nur ein Weg: Der zu mir selbst. Mich selbst so sehr zu lieben, dass ich die Liebe der Kinder oder die meines Partners nicht mehr zum Überleben brauche.
Das ist für viele von euch vielleicht keine Neuigkeit. Das weiss doch heutzutage fast jeder, dass man erst einmal sich selbst lieben muss, bevor man glückliche Beziehungen leben kann. Ja, ich wusste das auch. Theoretisch. Und bei jeder Erschütterung im Außen wurde mir klar, dass ich das zwar wusste, es aber nicht in mir integriert war, ich es nicht lebte.

Es war ein längerer Weg mit vielen Tränen, immer wieder Enttäuschung, Trauer und dem Gedanken, “Ich gehöre nicht dazu zur Familie”, was meint, zum Dreiergespann meines Partners und der Kinder.

Die Umkehrung zu mir selbst: “Ich gehöre nicht zu mir dazu.” war wohl damals viel wahrer. Nach aussen lebte ich ein selbstbestimmtes Leben, war Coach, Trainerin, ging zum Sport, traf mich mit Freunden, reiste oft beruflich allein oder zu meiner Familie nach Deutschland. Und doch, in mir drinnen, ganz tief drinnen gehörte ich nicht zu mir und war immer noch auf der Suche nach dem fehlenden Teil. Den sollte mir mein Partner und seine Kinder geben, mich bedingunglos lieben und mich als Teil ihrer Familie annehmen.

Die Stimme, die oft flüsterte “Kerstin, du hast auch ein Recht darauf, geliebt zu werden, du bist ein guter Mensch und gibst ja auch so viel, vor allem den Kindern…” war penetrant und dominant. Und das Universum war freundlich und präsentierte mir immer wieder Situationen , die mich enttäuschten: Weihnachtsbesuch auf dem Marktplatz – Keiner nahm meine Hand, Abschlussfeier in de Schule – die Kinder scheinen mich nicht zu kennen, die Kinder beantworten meine Nachrichten nicht…. Ich bekam so lange vom Universum eines auf den Deckel, bis ich endlich bereit war, aufzugeben und umzudenken. Viele Works über die Kinder haben nach und nach den Pfad geöffnet. An einem Tag, als es besonders weh tat, sprach eine andere Stimme zu mir, die sagte: “Es reicht. Gib auf und kümmere dich um dich. Du brauchst es, denn die Kinder wollen deine Aufmerksamkeit anscheinend nicht. Wie freundlich, denn so hast du mehr Energie für dich. Du bist diejenige, die dich gerade braucht.”

Ich begann, meinen Fokus auf meine Arbeit zu lenken, auf meine Freiberuflichkeit, die neue Webseite, ein Buch über Patchworkund The Work zu schreiben. Ich verabredete mich wieder häufiger mit Freunden in der Woche, in der die Kinder bei uns waren. Ich habe auch mal nicht gekocht und stattdessen gearbeitet, wenn ich gerade Arbeit hatte, habe keine Nachrichten mehr geschrieben, keine Geschenke mehr gemacht, keine Angebote gemacht, nur noch reagiert, wenn die Kinder auf mich zukamen und etwas mit mir machen wollten.

Es war magisch. Innerhalb von wenigen Wochen drehte sich alles.
Ich war in meiner Kraft, war bei mir, kümmerte mich um mich, die Kinder kamen immer häufiger auf mich zu, wollten mit mir spielen, mit mir in den Urlaub fahren, bei mir schlafen und aufeinmal wurde ein Bild gemalt mit einer Familie – und ich entdeckte meinen Namen in dem Bild. In dem Moment war es mir allerdings gar nicht mehr so wichtig – ein paar Monate vorher hätte ich viel dafür gegeben.

Was habe ich gelernt in der Zeit?

· Es ist für mich so wahr, was Byron Katie sagt: “Alles passiert für dich, nicht gegen dich.” Die Zurückweisung der Kinder hat mich gelehrt, mich selbst zu lieben.

· Noch einmal Katie: “Opfer sind die schlimmsten Täter.” Ich habe über mich gelernt, wie subtil manipulativ ich den Kindern gegenüber versucht habe zu erreichen, dass sie mich lieben. Das war übergriffig.

· Mangel ist immer ein Zeichen, dass ich selbst nicht bei mir Zuhause bin, mich selbst nicht an die Hand nehme oder mir selbst keine Familie bin.

· Wenn meine Probleme im Außen sich nicht verändern und evt. sogar grösser werden, könnte das ein Zeichen sein, dass ich mit dem Kopf durch die Wand will und nicht bereit bin, einen neuen Weg auszuprobieren.

· Nur, wenn ich kein Opfer bin, kann ich mitfühlend mit den anderen sein, mit dem, wo sie gerade stehen, was sie beschäftigt, was es ihnen unmöglich macht, sich anders zu verhalten – nur dann kann ich Zeit geben und glücklich sein mit mir, während die anderen machen, was sie machen

· Katie sagt oft:”Du bist verschont geblieben.” Die Kinder wollen nicht mit mir spielen, sondern mit Papa? Wunderbar, ich bin verschont geblieben und habe Zeit für mich. Die Kinder wollen nicht an meiner Hand gehen, sondern nur mit Papa? Wunderbar, so kann ich frei laufen, in meinem Tempo, in Geschäfte schauen und lernen, meine Hand zu halten.

· Es ist alles nur eine Frage der Perspektive, keine meiner Geschichten hat sich als wahr herausgestellt.

· Ich habe kein Recht, von den anderen geliebt zu werden und es ist meine Aufgabe, diesen Job zu übernehmen. So wie Katie sagt, den Job kann man nicht delegieren.

In diesem Sinne wünsche ich dir ganz viel Aufmerksamkeit.

Vielleicht kannst du dich beim nächsten Mal, wenn du zum Opfer wirst und meinst, etwas nicht zu bekommen, was dir zustehe, inne halten und still werden. Für mich war das Rezept zum Glücklichsein: Den Job annehmen, mich um mich selbst zu kümmern und die anderen ihr Leben leben zu lassen. Sie tun es sowieso.

Alles Liebe

Kerstin

Außenseiter, Türschwellen und andere Befürchtungen

Vor kurzem bin ich mit meinem Partner und seinen beiden Kindern zusammengezogen. Nun befinde ich mich mit fast 40 auf einmal in einer so genannten “Patchworkfamilie”, die mich manchmal vor ganz neue Herausforderungen stellt. In dieser Konstellation, in der es drei “Kern-Familienmitglieder” und mich als Neueinsteigerin gibt, kann ich immer wieder beobachten, wie ich mich manchmal ausgeschlossen fühle, bzw. glaube, ausgeschlossen zu sein. Heute möchte ich darüber schreiben, wie kraftvoll ein einziger Gedanke sein kann, wenn man ihn glaubt.

Ich werde immer eine Außenseiterin sein.
Vor ein paar Wochen war ich auf dem Lehrcoachtreffen des VTW auf Mallorca. Wir hatten die Möglichkeit, miteinander die Work zu machen und einen stressvollen Gedanken auf seinen Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Mein Einzug war noch ganz frisch und sofort ploppte der Gedanke auf: “Ich werde immer eine Außenseiterin sein.” Kaum ausgesprochen spürte ich, wie Tränen in meinen Augen aufstiegen und meine Brust ganz eng und schwer wurde. Beweise dafür, wieso das wahr war, dass ich immer eine Außenseiterin sein werde, fand mein Verstand viele. Es tauchten Bilder auf aus unserem ersten gemeinsamen Urlaub mit den Kindern, die Kinder links und rechts an seiner Hand und ich hinter oder vor ihnen her gehend – allein. Weitere Bilder tauchten auf, die Kinder verlassen das Haus, um zur Schule zu gehen und verabschieden sich kaum, geschweige denn dass es eine Umarmung oder einen Kuss gibt… und, und, und…

Wie verhalte ich mich, wenn ich das glaube?
In der Work fragte mich meine Begleiterin, wie ich die Kinder behandele, wenn ich glaube, dass ich immer eine Außenseiterin sein werde. Zuerst folgte ich dem Impuls mich zu verteidigen. Ich war fest davon überzeugt, dass ich schon alles und eher zu viel als zu wenig dafür getan hatte, mich zu integrieren, auf die Kinder zuzugehen etc.. Und da ich ja schon mehr als genug getan hatte, seien nun die Kinder daran, einen Schritt auf mich zu zumachen. Ich sah in der Work, wie ich oft auf der Suche war nach ihrer Annahme, ihrer Bestätigung und ihrer Liebe. Was für eine Erwartung an zwei Kinder, deren Eltern sich getrennt haben, deren Leben sich in den letzten zwei Jahren komplett verändert hat… Mir fiel das Zitat von Byron Katie ein: “Wenn ich ein Gebet hätte, wäre es dieses: Gott bewahre mich vor der Suche nach Liebe, Bestätigung und Anerkennung.” Ich spürte, wie ich so viel von ihnen wollte und in einen Mangel geriet, immer wenn ich im Opfermodus der Außenseiterin war.

Außenseiter gibt es nicht.
Als wir zu den Umkehrungen kamen: Ich bin keine Außenseiterin, ich werde nicht immer eine Außenseiterin sein, ich bin ein Teil des Ganzen – konnte ich viele Beispiele finden, wie das noch so viel mehr stimmte. Ich sah, wie eines der Kinder mich oft gefragt hat, ob ich bei ihm im Zimmer schlafen möchte, ich sah, wie wir zusammen gespielt, gebastelt, getobt hatten, ich erinnerte mich an Gespräche, in denen die Kinder etwas aus meinem Leben wissen wollten und vor allem berührte mich die Einsicht, dass es einen Außenseiter per se nicht gibt – ich also nur in einem mentalen Konstrukt gefangen war – und sich auf einmal das Gefühl ausbreitete, dass ich immer ein Teil des Ganzen bin und auf jeden Fall immer ein Teil von mir selbst.

Plötzlich war alles anders.
Als ich abends nach Hause kam, blieb ich wie so oft an der Türschwelle des Sohnes meines Partners stehen. Er war schon im Bett, noch wach, und auf einmal spürte ich ganz bewusst, wie ich abends oft an der Türschwelle stehen geblieben war und Gute Nacht gesagt hatte. Plötzlich war es anders, ein Ruck durchfuhr mich und ich ging über die Türschwelle, kniete mich an das Bett, legte meine Hand auf das Bein des Kindes und fragte, wie sein Tag gewesen war. Und es kamen Antworten und ein schöner Austausch entstand. Völlig überrascht von diesem neuen Gefühl verliess ich das Zimmer und auf einmal wurde mir klar, dass ich diese Grenze gezogen hatte. Ich war immer an der Türschwelle des einen Kindes stehen geblieben, ich hatte mich nicht mehr angenähert aus Angst vor weiterer Zurückweisung, ich hatte festgesteckt in der Erwartungshaltung, dass nun das Kind daran sei, auf mich zuzugehen… und all das nur, weil ich den Gedanken geglaubt hatte: “Ich werde immer eine Außenseiterin sein.”

Manchmal kommt der Gedanke noch zurück und Zweifel machen sich erneut breit. Was mich seit diesem Abend der Türschwelle allerdings nicht mehr verlassen hat, ist die Erfahrung, dass ich nie wissen kann, wie es sich entwickelt und dass es so schöne Überraschungen gibt, wenn ich frei bin von einschränkenden Überzeugungen und einfach das tue, was aus meinem Herzen kommt, nämlich über die Türschwelle zu gehen statt zu warten, der andere möge zuerst gehen.

In diesem Sinne, Gute Nacht,

Kerstin

Eier, Bioeier… und wo The Work of Byron Katie sonst noch helfen kann

“Kerstin, weisst Du, was die beiden roten Fahnen da am Strand bedeuten?” fragte mich heute mein Vater. “Die rote Fahne bedeutet, dass man nicht schwimmen sollte, da die Strömung stark ist.” Darauf sagte mein Vater sehr bestimmt “Quatsch”. Ich rollte mit den Augen, schnaufte hörbar auf und ging auf mein Zimmer.

Vor 3 Jahren war ich das erste Mal seit 15 Jahren wieder mit meinen Eltern gemeinsam im Urlaub – auf Ko Samui. Es war der erste gemeinsame Urlaub mit meinen Eltern, nachdem ich die Work von Byron Katie kennen gelernt hatte. Vielleicht kennt der eine oder die andere das auch: Bei Familienfesten, Urlauben oder einfach bei gemeinsamer Zeit mit den Liebsten kommt es manchmal zu inneren und ggf. auch äusseren, emotionalen Wallungen, die man ansonsten schon lange Zeit eher nicht mehr erlebt hatte.

Wenn Du glaubst Du bist erleuchtet…
Ram Dass sagt dazu ganz passend wie ich finde: “Wenn Du Dich für erleuchtet hältst, dann geh und verbringe eine Woche mit Deinen Eltern.” Oder wie Byron Katie sagt: “Leute gehen nach Indien um einen Guru zu finden, aber das musst du nicht: du lebst mit einem.” Unsere Lieben drücken all die Knöpfe, wo wir noch gefangen sind in alten Gedanken- und Verhaltensmustern. Unsere engsten Mitmenschen zeigen uns, wo wir noch nicht wirklich hingeschaut haben und immer noch Konzepte mit uns herumschleppen, die oft schon viele Jahrzehnte alt sind.

Wer hat mich aus dem Paradies vertrieben? Ein Gedanke…
Also zurück nach Ko Samui: Vor drei Jahren sitze ich mit meinen Eltern in einem wunderbaren Hotel beim Frühstück mit Meerblick, Wellenrauschen, Vögelgezwitscher, frischem Obst… ein Paradies… und auf einmal passiert es: ich befinde mich mit meinem Vater in einer Diskussion über Eier, Bioeier, Politik etc. und ehe wir uns versehen, sind wir in einer hitzigen Diskussion, bis mein Vater mir vorwirft, das Problem mit mir sei, ich wolle ja immer nur Recht haben. Darauf höre ich mich sagen: “Nein, das stimmt nicht. Du willst immer Recht haben.” The Work sei Dank konnte ich immerhin merken, dass es nun höchste Zeit war, mich zurück zu ziehen und wieder zu mir zu kommen. Ich verliess das Frühstück und ging auf mein Zimmer, schrieb alle stressvollen Gedanken über meinen Vater auf und rief einen Kollegen an, der mich begleitete, das Konzept zu untersuchen: “Mein Vater will immer nur Recht haben.” Wie so oft bei der Work konnte dieser Gedanke nicht gegen die Wahrheit bestehen.

Dreh es um…
Für die, die The Work noch nicht kennen: Ein Teil der Work sind Perspektivwechsel – der Gedanke, der überprüft wird, wird in verschiedene Richtungen gedreht. Ich sah plötzlich, wie mein Vater total Recht hatte als er sagte, ich wolle ja immer nur Recht haben. Es stimmte. Ich sah, wie ich mich sofort verteidigt hatte und aus diesem Opferstatus heraus sogar ihn angegriffen hatte als ich sagte, er wolle ja immer nur Recht haben. Nun ja… es entstand das Bedürfnis in mir, mich bei meinem Vater zu entschuldigen. Als er an meine Zimmertür klopfte und mich fragte, ob ich mit ihm an den Strand gehen wolle, sagte ich ihm: “Papa, ich möchte Dir etwas sagen. Ich möchte mich bei Dir entschuldigen, denn ich habe Dich angelogen. Als Du mir gesagt hast, dass ich immer nur Recht haben wolle, habe ich Dir gesagt, dass das nicht stimmt. Es stimmt, ich wollte Recht haben, und das tut mir leid, bitte entschuldige.” Plötzlich sah ich in seinen Augen Zeichen der Rührung, und er nahm mich westfälisch in den Arm und sagte: “Ach Mädchen, ist ja nicht so schlimm.”

Byron Katie fragt oft: Willst Du frei sein oder Recht haben?
Heute ergab sich dann die eingangs geschilderte Situation, in der es wieder um “Recht haben” ging, um die Bedeutung der zwei roten Fahnen im Sand… erneut bemerkte ich eine heftige Irritation in mir aufsteigen. Auf dem Weg in mein Zimmer, begann mich nun die Frage zu beschäftigen, ob sich denn gar nichts bei mir verändert hatte seit damals auf Ko Samui? Wie kann es sein, dass ich mich wieder über etwas aufrege, womit ich mich bereits beschäftigt hatte, wo ich doch schon eingesehen hatte, dass ich Recht haben wollte damals auf Ko Samui, wieso nun wieder die gleiche Irritation? Und war es überhaupt die gleiche Irritation?

Nach ein paar Stunden traf ich meinen Vater. Auf einmal sagte er zu mir: “Du, ich muss mich noch bei Dir entschuldigen für vorhin, dass ich da nicht so freundlich zu Dir war. Aber ich hatte Recht…. und die Bedeutung der zwei Fahnen… etc.” . Und ja, es stimmte, er hatte Recht gehabt die ganze Zeit UND er hat sich bei mir zu meiner Überraschung entschuldigt. Wir haben dann noch mit einem Augenzwinkern ausgetauscht, worum es jedem von uns ging und hatten einen richtig schönen, entspannten Abend. Ach ja, und wen es interessiert: Die beiden roten Fahnen markieren die Einfahrtschneise der Boote, die vermietet werden. Das hatte mein Vater herausgefunden als er sich mit einem Thailänder darüber unterhalten hatte.

Um den Krieg zu beenden braucht es nur eine Person
Byron Katie sagt, es reicht, wenn einer die Work macht, um den Krieg zu beenden. Warum ist die Dissonanz mit meinem Vater nun heute anders verlaufen? Keine Ahnung – und eine Idee dazu ist: Ich war nicht einer Meinung mit ihm, habe meinen Vater allerdings nicht wie vor drei Jahren angegriffen und bin erst einmal gegangen. Ich war mir bewusst, dass Gedanken meine Irritation ausgelöst hatten und nicht mein Vater selbst. Es waren die Gedanken über ihn, über mich, über Eltern etc., die mich aus dem Gleichgewicht gebracht hatten. Diese Gedanken konnte ich als Gedanken wahrnehmen und sie aus der Position des Beobachters identifizieren.

Es geht darum, immer wieder in der Beobachterposition zu sein.
Wenn ich meinen eigenen Prozess mit der Work zurückverfolge, zum Beispiel alte Aufzeichnungen lese, bin ich manchmal fassungslos, was ich vor ein paar Jahren so alles geglaubt habe und kein Wunder, dass ich mich verhalten habe wie ich mich verhalten habe. Manchmal kommt es mir fast unwirklich vor, dass ich diese Person war, die all das geglaubt hat. An vielen Stellen sehe ich, wie viel sich bereits verändert hat. Und dann gibt es eben auch andere Momente, wo ein altes Thema aufzuploppen scheint, etwas, mit dem ich mich vielleicht schon mehrmals in der einen oder anderen Form beschäftigt habe, ein Thema, das sich bisher nicht aufgelöst hat. Daher ist es vielleicht gar nicht so sehr die Frage, wieso mich manchmal wieder ähnliche Gedanken stressen, sondern vielleicht geht es darum, immer wieder in der Beobachterposition zu sein und mir immer wieder bewusst zu werden, dass ich nicht diese Stimmen, Meinungen, Ideen, Urteile bin, die mir durch den Kopf rauschen. Ich bin diejenige, die das Kopfkino beobachtet.

Ich bin neugierig, wie es sich entwickelt – und ich habe noch mehr als eine Woche Zeit, das zu beobachten 😉

Alles Liebe aus Thailand,

Kerstin